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Ein Morgen bei Rückenwind

Ein Morgen bei Rückenwind

Auf der Rückenwind-Station im Bad Zurzacher Generationenhaus wird gelebt und gearbeitet. Die Institution mit ihren medizinischen Dienstleistungen ist schweizweit einzigartig

Aus Zimmer 14 hört man Lachen: «Wenn du sprichst, sehe ich Tulpen», meint Patient A. zu Stationsleiterin Elena de Groot und spielt damit auf deren holländisch eingefärbtes Deutsch an. Elena de Groot nimmts als Kompliment. Sie lacht und meint: «Mit Humor meistern wir auch diesen Tag, nicht wahr, Herr A.?»

Mehr als nur ein Job

Es ist Donnerstagmorgen, kurz nach 8 Uhr. Die geschilderte Szene spielt sich im Bad Zurzacher Generationenhaus ab, auf der Station der Rückenwind plus. Elena de Groot ist auf ihrer «Guten-Morgen-Tour». Sie schaut kurz nach ihren Patienten, erkundigt sich nach deren Befinden und vertraut sie für die morgendliche Pflege den Mitarbeitenden der Station an. Bei Patient A. steht Pflegeassistentin Cornelia Schärer im Einsatz. Sie sagt: «Das Konzept der Rückenwind plus überzeugt mich. Ich sehe den Pflegeberuf nicht als Job. Ich fühle mich zur Pflege berufen, und bei ‹Rückenwind› kann ich meine Berufung leben.»

Rückenwind plus ist mehr als nur eine Station. Es ist die schweizweit erste Spitalabteilung mit medizinischen Dienstleistungen in einem Pflegezentrum.

Punktgenau und individuell

Was Cornelia Schärer meint, findet sich in den Grundsätzen der Rückenwind plus beschrieben. «Rückenwind» ist eine Pflegeeinrichtung für Menschen mit Querschnittlähmung oder querschnittähnlichen Symptomen resp. neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Multipler Sklerose (MS) und Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Das Credo lautet: punktgenaue Pflege, individuell auf die Bedürfnisse der Patienten angepasst, exakt und zum richtigen Zeitpunkt ausgeführt.

Genau dieses Credo ist es, was Cornelia Schärer entspricht. Sie sagt: «Ich möchte auf meine Patienten eingehen können. ‹Halbpatzig› und ‹jufle› dürfe in der Pflege grundsätzlich nicht sein und bei den Patienten auf der Rückenwind-Station schon gar nicht.» Ungenaue Pflege führe bei Menschen mit Querschnittlähmung schon innert kürzester Zeit zu Komplikationen. Auf Bedürfnisse eingehen Cornelia Schärer freut sich, dass es der Personalschlüssel der Rückenwind Plus-Station möglich macht, den Patienten eine Eins-zu-eins-Betreuung zu bieten. «Ich kann punkto Pflege auf die individuellen Bedürfnisse meiner Patienten eingehen», sagt sie, «und ich muss dabei nicht ständig auf die Uhr schauen.» 

Dank dem Personalschlüssel von Rückenwind Plus erhalten die Patienten eine Eins-zu-eins-Betreuung.
Cornelia Schärer: «Pflege ist mehr als nur ein Job!»

Besser als Schmerzmittel

Zurück zu Patient A.: Der über 80-jährige Mann weist eine Lähmung auf. Bevor ihm die morgendliche Pflege zukommt, beginnt Cornelia Schärer, A.’s gelähmte Gliedmassen zu bewegen. Ganz sanft nur und leicht. Sie erklärt: «So können sich Verspannungen lösen, und so lassen sich Schmerzen lindern.» A. gibt der Pflegeassistentin recht und erzählt, dass er erst kürzlich, nachts einmal, unter heftigen Schmerzen litt und Schärer rief, die in jener Nacht, zusammen mit einer Pflegefachfrau, den Nachtdienst versah. «Cornelia begann, mein gelähmtes Bein zu bewegen», schildert er, «genauso wie sie es jetzt tut, und die Schmerzen liessen ganz allmählichen nach

A. betont, dass nicht einmal mehr ein Schmerzmittel nötig gewesen sei und dass allein die fachkundige Lagerung und sorgfältig ausgeführte Pflege geholfen haben. «Das eben ist Rückenwind», freut sich Cornelia Schärer. «Unser Personalschlüssel und unser Pflegeverständnis machen individuell ausgerichtete Pflege möglich.»

«Das eben ist Rückenwind», freut sich Cornelia Schärer. «Unser Personalschlüssel und unser Pflegeverständnis machen individuell ausgerichtete Pflege möglich.»

Besuch am Nachmittag

Für A. geht es weiter mit waschen, anziehen, in den Rollstuhl gesetzt und zum Frühstück gefahren werden. Noch am Morgen stehen dann Physio- und Ergotherapie auf dem Programm, um 12 Uhr wartet das Mittagessen und etwas später die Mittagsruhe. Danach, irgendwann für den Nachmittag, hat sich Besuch angemeldet, um 17.30 Uhr wird das Abendessen serviert und noch bevor die Nachtwache auf der Station eintrifft, um 22 Uhr, haben die Spätdienst-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Herrn A. für die Nacht vorbereitet und zu Bett gebracht.

Effizient organisieren

Noch aber ist der Tag jung. Es geht gegen neun. Herr A. wird zum Frühstück gefahren während Stationsleiterin Elena de Groot im Stationszimmer die morgendliche «Huddle»-Besprechung eröffnet. «Huddle» bedeutet «wirrer Haufen», ist ein Begriff aus der Welt des American Football und meint jenen Moment, in dem die Spieler die Köpfe zusammenstecken, um den nächsten Spielzug zu vereinbaren. Endlose Diskussionen und nicht zum Punkt kommen, gibt es beim «Huddle» des American Footballs nicht; es muss ja schnell gehen. Auch beim morgendlichen «Huddle» im Stationszimmer kommt es nicht zu langen Diskussionen. Man beschränkt sich auf 15 Minuten, um das Tagesgeschäft effizient zu organisieren. Elena de Groot erkundigt sich nach dem Stand der Dinge, erkennt, was aufgrund der aktuellen Situation zu tun ist, organisiert und delegiert, und spricht ab, wer wann in die Kaffee- und in die Mittagspause geht. Normalerweise wäre das alles, nicht aber diesen Donnerstag. Elena de Groot kommt noch kurz auf den Besuch zu sprechen, den die Station gegen 11 Uhr erwartet.

«Ein sehr willkommener Besuch», betont Peter Lude, der Präsident des Verwaltungsrats der Rückenwind plus, der mittlerweile auch auf der Station eingetroffen ist. «Wir erwarten den Stiftungsrat der Dr. Anton E. Hauss-Stiftung und dürfen eine grosszügige Spende entgegennehmenDie Hauss-Stiftung habe
nämlich beschlossen, der Rückenwind plus 25’000 Franken zukommen zu lassen.

v.l.n.r. Sabine Felber, Peter Lude, Dominik Locher, Heidy Rom-Schudel, Fernando Garcia

25’000 Franken

Die Dr. Anton E. Hauss-Stiftung hat Sitz in Döttingen und geht auf den vor drei Jahren verstorbenen Anton E. Hauss zurück, den Inhaber der Tisch und Stuhlfabrik Oberle und Hauss. Im Stiftungsrat wirken Heidy Rom-Schudel und die Herren Fernando Garcia und Dominik Locher.

Stiftungsrat Fernando Garcia erklärt: «Anton E. Hauss’ Wille war es, benachteiligte und bedürftige Menschen aus dem Unteren Aaretal und der Region Zurzibiet zu unterstützen.» Der Stiftungsgründer habe dabei an Einzelpersonen und Institutionen gedacht, sagt Garcia und zeigt sich überzeugt, dass sich Anton E. Hauss über die Aktivitäten der Rückenwind plus efreuen würde.

Rückenwind schliesst Versorgungslücke

In Rahmen der Checkübergabe verdeutlicht Sabine Felber, die Vizepräsidentin des Verwaltungsrats, dass mit der Rückenwind plus eine Versorgungslücke im schweizerischen Gesundheitswesen geschlossen werde. Felber erklärt, dass viele Menschen mit Querschnittlähmung oder querschnittähnlichen Symptomen von Angehörigen gepflegt werden. Sie fragt: «Was, wenn ein pflegender Angehöriger plötzlich ausfällt? Querschnittgelähmte Menschen sind darauf angewiesen, schon innert weniger Stunden die für sie angemessene, hochspezialisierte Pflege zu bekommen. Erhalten sie diese Pflege nicht, entwickeln sich rasch ernsthafte, aber durchaus vermeidbare Komplikationen.»

Es braucht uns

In Paraplegikerkliniken wäre hochspezialisierte Pflege zu erhalten, fährt Sabine Felber fort, bloss seien die Tagessätze dieser Kliniken hoch, weil deren gesamte Infrastruktur mitfinanziert werden müsse. Operationssäle zum Beispiel oder die Blaulichtorganisation. «Das alles aber brauchen unsere Patienten nicht. Klar definierte medizinische Dienstleistungen aber schon. Ihre Pflegeperson ist ausgefallen, ‹mehr› nicht. Unsere Patienten brauchen ‹nur› die ihnen angepasste Pflege mit den nötigen medizinischen Dienstleistungen. Diese Kombination können Pflegeheime, Spitex oder Akutspitäler so nicht leisten. Weder personell noch fachlich. Das ist nicht abwertend gemeint. Pflegeheime, Spitex und Akutspitäler sind einfach nicht auf die Pflege von querschnittsgelähmten Menschen ausgerichtet. Es braucht eine Institution wie die Rückenwind plus. Unsere Station hilft Leiden verhindern.»

Pflegeheime, Spitex und Akutspitäler sind nicht auf diese spezialisierte Pflegausgerichtet.

Mit Humor meistern wir den Tag!

Es wird Mittag: Patient A. möchte sich hinlegen. Pflegeassistentin Cornelia Schärer und Pflegefachfrau Jennifer Ferell sind zur Stelle und helfen ihm aus dem Rollstuhl. «Neigen Sie Ihren Kopf etwas nach vorne, Herr A., und versuchen Sie mit dem rechten Fuss fest aufzutreten», sagt Jennifer Ferell. «Mein Gott, was habt ihr Frauen Wünsche», seufzt A., tut aber wie ihm geheissen. «Tja, so sind wir Frauen eben», erwidert die Pflegefachfrau lachend und ebenfalls lachend meint A.: «Wie recht Sie haben! Eine wunschlos glückliche Frau lernte ich bisher tatsächlich noch keine kennen!» Die Szene erinnert an Elena de Groot. Wie meinte die Stationsleiterin doch schon am frühen Morgen? Mit Humor meistern wir auch diesen Tag!

Text / Bilder: Urs Zimmermann, «Die Botschaft»